„Sein Spirit lebt weiter“

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Ein Gespräch mit Friedhelm Engler, Director Design Execution, zum Tod von Erhard Schnell. Dem „Vater des GT“, der die Formsprache der Opel-Modelle über Jahrzehnte geprägt hat.

 

Herr Engler, ob Rekord, Calibra oder Corsa A: Erhard Schnell hat Design-Ikonen für Millionen entworfen. Auf einer Karikatur, die er selbst von sich gezeichnet hat, zieht er den Opel GT als Spielzeugauto hinter sich her. Ist das Sportcoupé das Modell, mit dem auch Sie Erhard Schnell immer als erstes verbinden werden?

Natürlich wird Erhard immer der Vater des GT bleiben. Oder wie er stets betonte: der Sohn. Die Vaterrolle sprach er nämlich seinem damaligen Chef Clare McKichan zu. Es entspricht Erhards unprätentiöser Art, wenn er sich selbst mit dem GT als Spielzeugauto karikiert. Mir persönlich ist die Zeichnung zu sehr Understatement. Erhard war bis zuletzt ein herausragender Kreativer mit einem wachen Geist, seiner Zeit voraus, der bei jeder Gelegenheit zum Zeichenstift gegriffen hat. Seine Meinung war für mich immer von immenser Bedeutung. Besonders als wir uns vor gut fünf Jahren daran gemacht haben, die DNA des Ur-GT in die Studie des GT Concept zu überführen. 

Sie haben Erhard Schnell bei diesem Projekt mit einbezogen?

Ja, das war mir persönlich wichtig. Wir hatten uns zur Aufgabe gemacht, das Lebensgefühl der Design-Ikone aus den 70er-Jahren in die Moderne zu übertragen – ohne dabei in die berüchtigte Retrofalle zu tappen. Um eine Marke wie Opel zu begreifen, musst du die Ikonen der Vergangenheit verstehen, deren Designkonzept verinnerlichen. Wir wollten die Einfachheit, Klarheit und das Skulpturhafte des GT einfangen.

Wie fiel das Urteil aus?

Als das erste 1:1-Claymodell des GT Concept fertig war – das war im Sommer 2015 – haben wir Erhard ins Advanced Design-Studio eingeladen und ihm das Modell präsentiert. Minutenlang ging er stumm um das Tonmodell herum, verharrte, legte den Kopf schief, ging ein Stück weiter. Meine Nerven waren vielleicht angespannt (lacht). Dann kam der erlösende Satz: „Habt ihr gut gemacht!“ Aufatmen im Team. Doch natürlich schob er noch mit einem Fingerzeig auf die Front hinterher: „Ihr wisst ja, dass ihr hier noch Arbeit habt …“. Was soll ich sagen: Das wussten wir.

Sie haben im Januar 1992 bei Opel angefangen, Erhard Schnell ist im August desselben Jahres in Ruhestand gegangen. Haben Sie jemals zusammengearbeitet?

Ich habe ihn in meiner Anfangszeit in mehreren Präsentationen und Besprechungen erlebt. Als einen Mann der leisen Töne, klar, prägnant, markant, der immer sehr genau wusste, was er wollte. Er besaß eine natürliche Autorität. Zu dieser Zeit bin ich mehr mit dem Mythos Erhard Schnell in Berührung gekommen. Den Menschen habe ich erst später kennen- und schätzengelernt.

Bei welcher Gelegenheit?

2010 habe ich mir zusammen mit meinem Sohn Matthias einen GT zum Aufbau gegönnt. Erhards großer Wurf. Unser Traumcoupé. Während der Arbeiten sind wir tief in die GT-Szene eingetaucht, lernten all die Liebhaber und Spezialisten kennen. Und dort im Epizentrum war Erhard die ganzen Jahre auf Events und Treffen aktiv. Wenn er auftauchte, gingen die Leute vor Ehrfurcht auf die Knie. Zwischen uns herrschte von Anfang an ein tiefes Vertrauen und kollegialer Respekt, daraus wurde dann schnell eine Freundschaft.

Sie waren lange Zeit Chef des Opel Advanced Designs, Erhard Schnell war einer Ihrer Vorgänger – inwiefern hat Sie das verbunden?

Für mich persönlich ist er ein Vorbild, ein Mentor. Nicht von ungefähr ist auch mein zweiter Klassiker ein Erhard-Schnell-Auto: ein „schneller“ Commodore A GS/E mit einem auf drei Liter aufgebohrten Sechszylinder. Ich denke, es ist das gleiche Grundverständnis von Design, das uns verbindet. Nehmen wir den Calibra, den „Aerodynamik-Weltmeister“ von Opel. Das Sportcoupé war Erhards Lieblingsauto. Es vereint das, was wir im Opel-Design bis heute leben: klares, modernes Design gepaart mit innovativer Technologie. BOLD und PURE. Doch nicht nur als Kreativer, sondern auch als Mensch hat Erhard eine ganze Generation von Opel-Designern entscheidend geprägt.

Inwiefern?

Ab 1964 leitete er das Advanced Design Studio in Rüsselsheim. Damals gab es nicht viele Möglichkeiten, sich zum Auto-Designer ausbilden zu lassen. Auch das ist einer seiner großen Verdienste: Er hat sich frische Talente gesucht und sie aufgebaut. Dazu gehörten fast alle Designer im Opel Team seiner Zeit. Eine echte Kaderschmiede.

Aus Erhard Schnells Feder stammen unzählige Karikaturen von Kollegen und Vorgesetzten. Damit macht man sich nicht zwingend beliebt. Bei Erhard Schnell war das ganz anders. Warum?

In den Zeichnungen kommt sein feinsinniger Humor zum Ausdruck. Seine schelmische Art machte ihn beliebt. Dabei war er durch und durch Opelaner. Immer. Ziemlich sicher gab es auch Abwerbeversuche der Konkurrenz, aber ein Wechsel stand für ihn vermutlich nie zur Debatte. Er ist ein Frankfurter Bub, er hat das Design Zentrum in Rüsselsheim mitaufgebaut und geprägt. Es war seine Heimat. Er ist Vater des deutschen Opel-Designs. Die DNA, die er geschaffen hat, prägt die Marke bis heute. Und wird es auch weiterhin tun.

In welcher Art und Weise?

Mit dem GT Concept haben wir das Formgefühl, die Ur-DNA von Erhards Opel GT in die Moderne übersetzt. Sie wiederum haben wir in neuem Kontext weiterentwickelt zum Opel GT X Experimental. Diese jüngste Studie ist unsere Vision, der Kompass, das Markengesicht für alle kommenden Modelle. Wenn künftig Opel-Modelle vom Band laufen, lebt in ihnen der Spirit von Erhard Schnell weiter.

Friedhelm Engler, Jahrgang 1963, ist als Director Design Execution für die Ausarbeitung aller Fahrzeuge, Exterior und Interior, von Opel verantwortlich. Nach dem Designstudium an der Hochschule Pforzheim ging er für drei Jahre als Produktdesigner nach Tokio. Bei Opel begann er 1992 als Transportation Designer, war später Chefdesigner des Meriva A und des Astra H. Von 2007 bis 2010 leitete er die PATAC-Designabteilung für alle GM-Marken in Shanghai, China. Seit 2010 ist er zurück in Rüsselsheim. Heute begleitet er alle Serienfahrzeuge bis zum Produktionsanlauf.

Erhard Schnell, Jahrgang 1927, begann 1952 seine Karriere bei Opel als „Entwerfer“. Der spätere Leiter des Advanced Design Studios schuf zunächst die Schriftzüge für mehrere Modelle, etwa für den Opel Kapitän, bevor er den Autos selbst die Form gab. Ab 1968 lief der von ihm entworfene Opel GT vom Band und wurde zur Design-Ikone. Der gebürtige Frankfurter hatte ein sicheres Gespür für die Vorlieben der breiten Käuferschicht, er gab unter anderem der ersten Generation des Opel Corsa ihre Gestalt und entwickelte die Form des Aerodynamik-Weltmeisters Opel Calibra. „Mein Lieblingsauto. Eine neue, moderne Formensprache. Hier hatte ich komplett freie Hand“, sagte Schnell über das Kultcoupé. Von Ruhestand wollte Erhard Schnell auch nach seinem Ausscheiden 1992 bei Opel nichts wissen. Er zeichnete unermüdlich, blieb Gestalter in seinem Haus und im Garten. Auch Opel blieb er eng verbunden und war auf vielen Veranstaltungen präsent. Erhard Schnell starb am 8. Februar im Alter von 92 Jahren im hessischen Trebur.

 

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